Der Kieferbruch des Gerhard L.

Anfang Juni 98

Beim Essen eines harten Brotes hat sich ein Stückchen zwischen das Zahnfleisch und die Oberseite meines Weisheitszahnes geschoben (meine unteren Weisheitszähne sind noch von Zahnfleisch umgeben).

Am nächsten Morgen gehe ich zum Zahnarzt, da ich beim Zubeißen Probleme durch eine leichte Schwellung im Bereich des Weisheitszahnes habe.

Mein Zahnarzt geht mit einer Spritze zwischen Zahn und Zahnfleisch und spritzt eine Flüssigkeit hinein, welche das Brotstückchen erfolgreich herausspült (nicht sichtbar, jedoch sofort spürbar). Er bemerkt das meine Weisheitszähne noch alle vorhanden sind und empfiehlt mir, wie bereits seit 15 Jahren, diese entfernen zu lassen, zumal sich das Zahnfleisch um die Weisheitszähne leicht entzünden kann.

Er klärte mich darüber auf, daß es im Bereich des entfernten Zahnes für ein paar Tage zu einer Schwellung kommen wird, welche je nach Veranlagung unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Die Zahnarzthelferin meinte noch, daß bis zur Hochzeit alles vorbei ist (netter Spruch, der sich leider nicht bewahrheiten sollte).

Ich lasse mich davon überzeugen und vereinbare einen Termin um mich von zwei Weisheitszähnen zu trennen.

Mittwoch, 24. Juni 98

Am Mittwoch ,dem 24. Juni 98 trafen wir (mein Zahnarzt und ich) die Entscheidung, meine linken Weisheitszähne zu entfernen (mir war es eigentlich egal, mit welcher Seite er anfängt).

Nach einigen Spritzen begann er mit der Entfernung des unteren Weisheitszahnes, welcher sich allerdings vehement weigerte seinen angestammten Platz zu verlassen. Nach über einer Stunde war der Zahn Stück für Stück herausgebrochen und jede Wurzel einzeln entfernt, sowie das ganze mit ein paar Stichen zugenäht.

Mein Zahnarzt meinte, daß dies ziemlich anstrengend war und empfahl es heute bei

diesem einen Zahn zu belassen.

Ich begann an diesem Tag mit der Einnahme von Antibiotika.

Donnerstag, 25. Juni 98

Die entstehende Schwellung hielt sich zum Glück in Grenzen. Bei meinem Besuch am nächsten Morgen, konnte mir mein Zahnarzt eine gute Heilung der Wunde bestätigen. Er fragte noch, ob ich ein leichtes Taubheitsgefühl in der Lippe hätte, denn es kann passieren, daß beim Entfernen des Weisheitszahnes ein Nerv gequetscht wird, so das die (hier linke) Unterlippe bis zu einem halben Jahr Taub sein kann.

Ich konnte zum Glück verneinen.

Freitag, 26. Juni 98

Nochmaliger Besuch beim Zahnarzt, alles OK.

Donnerstag, 02. Juli 98

Besuch beim Zahnarzt zur Entfernung der Fäden

Freitag, 10. Juli 98

Heute ist mir um 17:30 Uhr, beim Essen eines weichen Brotes der Kiefer gebrochen (was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wußte). Es war ein lautes helles Knacksen zu vernehmen, welches alle Anwesenden gut hören konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Schmerzen, war aber leicht geschockt und hatte das Gefühl, daß ein Zahn gebrochen ist.

Mein Zahnarzt empfing mich gegen 18:30 Uhr, konnte jedoch nichts feststellen und meinte ich könnte meinen Kiefer ausgehängt haben, was im ersten Moment schmerzlich ist, sich jedoch bis zum nächsten Tag bessern sollte. Meine Aussage, daß ich das Gefühl habe als wenn ein Zahn direkt neben dem entnommenen Weisheitszahn gebrochen wäre und es ein sehr lautes Geräusch gab, daß sich genauso anhörte wie das, wo er meinen Weisheitszahn zerbrochen hat, interpretierte er als den Knall, wenn der Kiefer wieder in das Gelenk zurückspringt. Das ich mich zu diesem Zeitpunkt schon meinen Unterkiefer kaum bewegen traute um den bei einer leichten nicht vorhersehbaren Bewegung entstehenden Schmerzen zu entgehen sah er als Zeichen dafür, daß die Nerven in dem Bereich gereizt sind. Er bestrahlte den Bereich noch mit einer Wärmelampe um die Heilung zu beschleunigen und meinte ich soll mir warme Tücher auf die Seite legen und bis Morgen müßte es besser werden.

Mit dieser Überzeugung gingen meine jetzige Frau und ich nach Hause. Ich legte mich mit der Hoffnung ins Bett, daß bis zum nächsten Tag das Gröbste vorbei ist.

Samstag, 11. Juli 98

Dem war jedoch leider nicht so. Im ersten Moment hatte ich das Gefühl es ist etwas besser, doch spätestens beim Frühstück merkte ich, daß ich immer noch überhaupt nicht zubeißen konnte. So bestand mein Frühstück aus Kaffee und hauchdünnen Schokoladenschnitten, die ich im Mund zergehen ließ. Nach einem Anruf bei meinem Zahnarzt und dem Hinweis, daß noch keine Besserung eingetreten ist, kam ich in seine Praxis, wo er feststellte, daß sich im Bereich des gezogenen Weisheitszahnes eine Entzündung (in Form einer Schwellung ) gebildet hat. Er meinte, daß sich durch die Wärmebestrahlung eine Entzündung am bereits gezogenen Weisheitszahn gebildet hat, was jedoch unabhängig von dem ausgehängten Kiefer zu betrachten ist.

Sodann wurde ein Röntgenbild erstellt, welches leider auch keine Erkenntnis brachte, denn es schien alles in Ordnung. Mein Zahnarzt wunderte sich darüber, daß ich solche Schmerzen hatte als ich auf die “Zunge” am Röntgenapparat beißen sollte.

Er schickte mich nach Hause und gab mir Antibiotika zur Behandlung der Schwellung mit.

Sonntag, 12. Juli 98

Kein Zeichen von Besserung. Ich spreche meinem Zahnarzt auf seinen Anrufbeantworter und erzähle, daß es nicht besser geworden ist und ich nicht mehr glaube das es nichts ist, sondern endlich gerne wissen würde, wo die Ursachen für meine Schmerzen sind. Er rief mich gegen Abend zurück und bestellte mich für Montagmorgen in seine Praxis.

Montag, 13. Juli 98

Nachdem die Beschwerden nicht besser geworden sind und sich die hinzugekommene

Schwellung trotz sofortiger Einnahme von Antibiotika nicht zurückbildete, überwies mich mein

Zahnarzt in die Zahnklinik nach Würzburg. Er rief noch dort an und teilte mit, daß er einen sehr interessanten Fall schickt, den er sich nicht erklären kann.

Dort konnte man auch keine Abweichung auf dem mitgebrachten Röntgenbild erkennen. Die freundlichen Menschen schickten mich in die Röntgenabteilung um ein aktuelles Röntgenbild zu erhalten; und siehe da, auf einmal war alles klar, ein Kieferbruch!

Ich durfte erfahren, daß ein Kieferbruch wie meiner (der Kiefer war nicht komplett gebrochen, sondern nur an der äußeren Seite) auf einem Röntgenbild häufig erst nach ein paar Tagen zu erkennen ist, nämlich dann, wenn sich die Bruchstelle entzündet. Man klärte mich darüber auf, daß ich sofort zwei Stahldrahtschienen in den Mund bekomme (eine in den Oberkiefer und eine in den Unterkiefer) und diese sodann mit Draht zusammengeschnürt werden um meinen Unterkiefer ruhigzustellen.

Der liebe Doktor erzählte noch was von 4 - 6 Wochen die ich so verbringen sollte. Mein Einwand, daß ich am 8. August heirate ließ in Ihm allerdings die Überzeugung wachsen, daß knapp 4 Wochen auch reichen müßten. Aufgrund meines Hochzeitstermines sollte ich sofort in der Klinik bleiben und mir die nötigen Dinge des täglichen Lebens bringen lassen.

Die Schienen wurden in den Zahnzwischenräumen durch Draht fixiert. Die Prozedur dauerte ca. 90 Minuten und fand natürlich unter örtlicher Betäubung statt. Leider habe ich das Betäubungsmittel nicht so gut vertragen, so daß es mir erst einmal total übel wurde und mein Kreislauf gewisse Bedenken äußerte (war glaube ich das schlimmste von der ganzen Aktion).

Ich wurde in der Klinik aufgenommen und als vierte Person in einem Dreibettzimmer untergebracht (zumindest die ersten Tage).

Ab Dienstag, 14. Juli 98

Die nächsten 12 Tage verbrachte ich in der Klinik, wo ich dreimal am Tag Antibiotika als Infusion bekam (Oral ging ja auch nichts mehr). Mein Zahnarzt rief mich in dieser Zeit zweimal an und erkundigte sich bei mir über mein Befinden.

Unsere Hochzeitsfeier war für den 08. August geplant und ich begann zu zweifeln ob ich eine Feier dieser Größe durchhalten könnte. Meine jetzige Frau konnte sich nicht so sehr mit dem Gedanken abfinden, die Hochzeitsfeier um 1 Jahr zu verschieben und nur die kleine Feier nach der standesamtlichen Trauung abzuhalten. Wir entschieden uns, den Prof. zu dieser Thematik zu befragen, um uns dann zu entscheiden.

Nachdem mir der Prof klargemacht hat, wie meine Freude über eine große Feier an diesem Tag ausfallen dürfte (nach 4 Wochen Flüssignahrung und verdrahtetem Mund), entschied ich mich, die Feier abzusagen. Das hatte leider Auswirkungen auf den Familienfrieden der folgenden Wochen und dies sollte bis zum 8.8.98 anhalten.

Ab Freitag, 24. Juli 98

Mein Tag der Entlassung war Freitag, der 24. Juli, und auf diesen habe ich mich wirklich gefreut, auch wenn der Mund weiterhin zublieb.

Jetzt konnte ich mich frei bewegen, mit der einzigen Einschränkung, daß ich immer eine kleine Drahtschere um den Hals hängen hatte, um im Falle des Erbrechens nicht gleich zu ersticken.

Dienstag, 28. Juli 98

Besuch bei meinem Zahnarzt! Er sieht sich die Sache mal an und das ganze Personal wirkt etwas betroffen (wen wunderts).

Er bittet mich um eine Kopie der Röntgenaufnahme aus der Kieferklinik.

Montag, 03. August 98

In der Zahnklinik wird die Verbindung zwischen den Schienen entfernt. Ich kann meinen Mund wieder öffnen, zumindest theoretisch, denn praktisch schaffe ich es kaum (es wird dann allerdings täglich besser). Essen darf ich leider weiterhin nur Flüssignahrung.

Donnerstag, 06. August 98

In der Zahnklinik wird meine obere Schiene entfernt.

Ich darf weiches essen!

Ich bekomme zur Information ein Schreiben, welches alle Patienten der Kieferklinik unterschreiben müssen, bevor Ihnen ein Weisheitszahn gezogen wird (übrigens sehr detailliert und aufschlußreich).

Samstag, 08. August 98

Standesamtliche Trauung

Es war, was ich bis dahin kaum zu hoffen wagte, in jeder Hinsicht ein schöner Tag.

Donnerstag, 20. August

In der Zahnklinik wird meine untere Schiene entfernt. Danach werde ich zum Röntgen geschickt. Zurück im Behandlungszimmer erzählt mir der Prof das er nicht zufrieden ist, denn es hat sich ein kleines Knochenstückchen beim Bruch abgespaltet und befindet sich nun im Knochen. Mein Körper hat dies als Fremdkörper erkannt und kämpft dagegen an.

Die entstandene Entzündung könnte chronisch werden und so muß er den Knochen ausräumen, wenn es sich nicht von selbst auflöst. Unter "Ausräumen" versteht man den Knochen von außen aufzubohren und auszukratzen.

Ich darf aufgrund dieser Entzündung weiterhin nicht hart beißen.

In drei Wochen wird ein weiteres Röntgenbild geschossen und daraufhin entschieden, ob operiert werden muß. Meine Freude darüber, daß nun endlich alles vorüber ist wird leider schlagartig gedämpft.

Mittwoch 26. August 98

Besuch bei meinem Zahnarzt! Ich erzähle ihm die weiteren Vorkommnisse bezüglich meines Kiefers und überreiche ihm eine Kopie der Röntgenaufnahme vom 13. Juli, auf welcher der Bruch zu sehen ist.

Nach gemeinsamer Besichtigung der Aufnahme übergebe ich ihm das Aufklärungsschreiben aus der Kieferklinik und erwähne, daß ich dieses Schreiben sehr gut finde.

Er gibt mir noch den Tip nicht zu hart zu beißen und verabschiedet mich.

Mittwoch 15. September 98

Neue Röntgenaufnahme und siehe da, die Entzündung geht zurück, also wahrscheinlich keine weitere Operation.

Anfang November 98

Nächste Röntgenaufnahme und die Entzündung ist fast verschwunden

Endlich alles wieder OK !!
 

Einen Vorteil hat das ganze übrigens doch noch, man kann sein Gewicht mal so richtig reduzieren!